Zusammenfassung der 8. Sitzung vom 26.6.2017

Luther scheint in seiner Schrift De servo arbitrio einen strengen, ‚harten‘ Determinismus zu vertreten. Anders als gegenwärtige Kritiker der Willensfreiheit (wie z.B. der englische Philosoph Galen Strawson in seinem Aufsatz „The impossibility of moral responsibility“ oder US-amerikanische Philosoph Peter van Inwagen in seinem Essay on Free Will) jedoch liegt nach Luther der Grund dafür nicht in der alles vorherbestimmenden Naturkausalität und ihren Gesetzen, sondern in Gottes Vorherwissen und Vorherwollen. Für Luther gilt, dass Gott „alles mit umwandelbarem, ewigem und unfehlbarem Willen vorhersieht, beschließt und ausführt. Durch diesen Blitzschlag wird der freie Wille vollständig zur Strecke gebracht und vernichtet.“ (251). Wüsste Gott nur alles vorher, so wäre damit die menschliche Willensfreiheit kompatibel. Indem Luther jedoch Gottes Vorherwissen mit seinem Vorherwollen identifiziert, muss alles, was in Zukunft geschieht, seinen Grund in Gottes Willen haben, so dass der Mensch darin nicht willensfrei ist. Denkbar wäre höchstens eine Art von Überdetermination, derart, dass sowohl Gott als auch der Mensch dieselbe Handlung wollen. Angesichts der Frage nach der Freiheit des menschlichen Willens existieren in Luthers Theorie zwei Modelle, die das Verhältnis von Wille (voluntas), Willkür (liberum arbitrium) und Handlung (actio) betreffen. Zum einen kann man die Willkür als dem Willen untergeordnet denken. Der Mensch könnte demnach handlungsfrei entscheiden, wie er angesichts des vorherbestimmten Willens dessen Ziele erreichen möchte. Nach einem anderen Modell ist die Willkür dem Willen übergeordnet. Demnach würde der Mensch aus sich selbst heraus, gleich einer causa sui, seinen Willen bestimmen oder ‚wählen‘. Diese Möglichkeit ist für Luther kategorisch ausgeschlossen.[1] Ein freies Willensvermögen kommt allein Gott zu. Der menschliche Wille ist damit nach Luther nicht Objekt seiner Willkür, sondern derjenigen Gottes und Satans, die gleichermaßen auf ihn Einfluss nehmen: „So ist der menschliche Wille in die Mitte gestellt, wie ein Zugtier. Wenn Gott daraufsitzt, will und geht es, wohin Gott will, wie der Psalm sage ‚Ich bin gemacht wie ein Lasttier und ich bin immer mit dir.‘ Wenn Satan darauf sitzt, will und geht es, wohin Satan will. Und es liegt nicht an seinem Willensvermögen, zu einem von beiden Reitern zu laufen oder ihn zu suchen. Vielmehr streiten die Reiter selbst darum, es in Besitz zu nehmen und in Besitz zu behalten.“ (291) Ähnlich der Sprachkritik Wittgensteins versucht Luther den Begriff des freien Willensvermögens zu kritisieren und als Ursache verschiedener Missverständnisse herauszustellen: „Es ist ein zu herrliches, zu weites und inhaltsreiches Wort: freies Willensvermögen. Das Volk glaubt, damit würde die Kraft bezeichnet (wie es sowohl die Kraft als auch die Natur des Wortes erfordern), die sich frei nach beiden Seiten wenden könne, und die Kraft, die niemandem weicht oder unterworfen ist.“ (295) Luther nimmt dann aber eine Unterscheidung vor, die sich als Differenzierung zwischen Willensfreiheit und Handlungsfreiheit verstehen lässt. Nach Luther gilt nämlich, „dass dem Menschen ein freies Willensvermögen nicht im Blick auf eine ihm übergeordnete, sondern nur im Blick auf eine ihm untergeordnete Sache zugestanden werde (homini arbitrium liberum non respectu superioris, sed tantum inferioris se rei concedatui).“ (297) Dieser ‚inferiore‘ Bereich seiner Freiheit betrifft ein „Recht“ (ius) „im Blick auf sein Vermögen und seinen Besitz“, also die weltliche Ordnung, die in keinerlei Bezug zum theologischen Heil steht, da sie nur die Werke im Diesseits betrifft.

[1] Vgl. dazu auch Galen Strawsons „Basic Argument“: “(1) Nothing can be causa sui – nothing can be the cause of itself. (2) In order to be truly morally responsible for one’s actions one would have to be causa sui, at least in certain crucial mental respects. (3) Therefore nothing can be truly morally responsible.“