95 Thesen

Luther berichtet davon, dass im Jahr 1517 in der Gegend um Wittenberg, wo er eine Professur für Bibelkunde innehatte und zugleich Augustinermönch war, der Dominikanermönch Johann Tetzel Ablassbriefe in großem Stil verkaufte, welche die Vergebung von allen möglichen Sünden versprachen. Mit dem Erlös dieser Ablasskampagne wurde einerseits der ausschweifende Lebensstil des Renaissancepapstes Leo X. finanziert, der damit auch den Bau des Petersdoms in Rom realisieren wollte. Die andere Hälfte der Gelder floss an den Erzbischof Albrecht von Brandenburg, der damit seine Schulden bei den Fuggern zurückzahlte, die er auf sich genommen hatte, um zwei Erzbistümer – Magdeburg und Mainz – unter sich zu vereinen. Luther kritisierte den Ablass zunächst nicht generell – er war der Auffassung, „man solle die Ablässe nicht verdammen, ihnen aber die guten Werke der Nächstenliebe vorziehen“ – sondern nur die extremen Auswüchse und Werbekampagne und „fing an, den Leuten abzuraten und sie zu ermahnen, dem Lärmen der Ablassprediger nicht ihre Aufmerksamkeit zu schenken“ (495). Luther berichtet über seine Reaktion:

„Alsbald schrieb ich zwei Briefe, den einen an den Mainzer Erzbischof Albrecht, der die Hälfte der Einkünfte aus den Ablassgeldern bekam – die andere erhielt der Papst, was ich damals nicht wusste den anderen an den Ortsbischof (wie man sagt), den Brandenburger Bischof Hieronymus, mit der Bitte, die Schamlosigkeit und Gotteslästerung der ,Steuereintreiber‘ in die Schranken zu weisen.“ (495)

In seinen 95 Thesen schrieb er dazu unter anderem: „Ein jeder Christ, der wahre Reue und Leid hat über seine Sünden, hat völlige Vergebung von Strafe und Schuld, die ihm auch ohne Ablassbrief gehört. Ein jeder wahrhaftige Christ […] ist teilhaftig aller Güter Christi und der Kirche, aus Gottes Geschenk, auch ohne Ablassbriefe.“

Die Gegenreaktion auf Luthers 95 Thesen, die ursprünglich nur auf Latein erschienen waren, dann aber sehr schnell ins Deutsche übersetzt und verbreitet wurden, fiel unerwartet harsch aus:

„Das bedeutete den Himmel gestürzt und die Erde in Brand gesetzt zu haben. Ich werde beim Papst verklagt, man schickt mir eine Vorladung nach Rom, und das ganze Papsttum erhebt sich gegen mich allein.“ (495)

Freiheit

Man kann zwischen zwei Formen von Freiheit unterscheiden: Willensfreiheit und Handlungsfreiheit. Willensfreiheit bedeutet, den eigenen Willen (willentlich) bestimmen und formen zu können. Handlungsfreiheit dagegen bedeutet (nur), tun zu können, was man will. Hierbei wird nicht vorausgesetzt, seinen eigenen Willen selbst wählen zu können. Insofern könnte für Handlungsfreiheit der Fall vorliegen, dass unser Wille nicht von uns selbst bestimmt worden ist, sondern etwa prädeterminiert ist.

liberum arbitrium

Unter “liberum arbitrium” versteht die spätantike und mittelalterliche Philosophie das freie Willens- und Entscheidungsvermögen. “Arbitrium” kommt von lat. arbitrari, “erwägen”. und meint so viel wie “Urteil”. Die deutsche Entsprechung dieses Begriffs ist der Begriff der Willkür.

Luther

Martin Luther wurde am 10. November 1483 in Eisleben, Grafschaft Mansfeld geboren und starb dort am 18. Februar 1546. Sein ursprünglicher Nachname wird in verschiedenen Formen überliefert: Lüder, Luder, Loder, Ludher, Lotter, Lutter oder Lauther. Luther sollte seinen Namen erst später unter dem Einfluss seiner “reformatorischen Erkenntnis” umändern. Zugrunde lag dabei das griechische Wort “eleutherios”, “der Freie”.

Er war ursprünglich Mönch der Augustiner-Eremiten in Erfurt und wurde dann Professor für Bibelkunde an der von Kurfürst Friedrich III. von Sachsen (“der Weise”) neu gegründeten Universität Wittenberg. Aus Anlass der Ablasspraxis seiner Zeit, welche die Aufhebung von religiösen Strafen gegen Bezahlung versprach, verfasste Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen. Diese können als eine “Kritik” oder “Aufklärung” (lat. “declaratio”) der Ablasspraxis verstanden werden. Besonders aus seiner Kritik der Vorstellung eines Kirchenschatzes, aus dem die religiösen Strafen erlassen werden konnten, entwickelte sich dann seine reformatorische Erkenntnis, dass nicht Werke, sondern allein der Glaube zum Heil führen können.

Reformatorische Entdeckung

Luthers „reformatorische Erkenntnis“ muss neben dem Kontext der Ablasspraxis vor dem Hintergrund seiner individuellen existenziellen Krise verstanden werden. Während seiner Zeit als Augustinermönch in Erfurt und Wittenberg war Luther extrem darauf bedacht, nicht zu sündigen, und er litt sehr unter der Angst, Gottes Geboten nicht gerecht werden zu können. Es wird berichtet, dass Luther so häufig die Beichte aufsuchte, dass seine Vorgesetzten ihn deswegen sogar rügten. Seine „reformatorische Einsicht“, dass man nicht durch Werke, sondern nur aus Glauben gerecht werde, gewann Luther dann aus der Interpretation des Begriffs der „Gerechtigkeit“ in einer zentralen Passage des Römerbriefes (Röm 1,17), die lautet: „Denn darin wird offenbart die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt, welche kommt aus Glauben in Glauben“. Luther bekennt rückblickend, dass er die Verbindung „Gerechtigkeit Gottes“ gehasst habe, da er darin den Grund für seine Sündenangst glaubte. Er verstand dieses Wendung als „formale bzw. aktive“ Gerechtigkeit, „auf Grund deren Gott gerecht ist und die Sünder und Ungerechten straft.“ (505) Luther beschreibt seinen inneren Zustand angesichts dieser Interpretation der Gerechtigkeit als eine Form extremer Verzweiflung:
„Ich aber, der ich, so untadelig ich auch als Mönch lebte, mich vor Gott als Sünder mit ganz unruhigem Gewissen fühlte und nicht darauf vertrauen konnte, durch mein Genugtun versöhnt zu sein, liebte Gott nicht, ja, ich hasste vielmehr den gerechten und die Sünder strafenden Gott und empörte mich in Stillen gegen Gott, wenn nicht mit Lästerung, so doch mit ungeheurem Murren und sagte: Als ob es nicht genug sei, dass die elenden und durch die Ursünde auf ewig verlorenen Sünder durch jede Art von Unheil niedergedrückt sind durch das Gesetz der Zehn Gebote, vielmehr Gott nun auch durch das Evangelium noch Schmerz zum Schmerz hinzufügt und uns mit seiner Gerechtigkeit und seinem Zorn zusetzt!“ (505)
Indem er jedoch den Begriff der Gerechtigkeit Gottes „als diejenige, durch die der Gerechte als durch Gottes Gabe lebt, nämlich durch den Glauben“ verstand, gelangte er zu seiner „reformatorischen Erkenntnis“:

„Durch das Evangelium werde die Gerechtigkeit Gottes offenbart, und zwar die passive, durch die uns der barmherzige Gott gerecht macht durch den Glauben, wie geschrieben steht: „Der Gerechte lebt aus Glauben.“ Hier fühlte ich mich völlig neugeboren und durch geöffnete Tore in das Paradies eingetreten zu sein. Da zeigte sich mir sogleich ein anderes Gesicht der ganzen Schrift. Ich ging danach durch die ganze Schrift nach dem Gedächtnis und sammelte auch in anderen Wortverbindungen eine Entsprechung, etwa Werk Gottes, das heißt, was Gott in uns wirkt, Kraft Gottes, mit der er uns kräftig macht, Weisheit Gottes, mit der er uns weise macht, Stärke Gottes, Heil Gottes, Herrlichkeit Gottes.“ (507)

Mit diesem neuen Verständnis von „Gerechtigkeit“ erschloss sich Luther die Bibel unter einem neuen, wesentlich hoffnungsvolleren Gesichtspunkt:

„Und wie sehr ich einst das Wort Gerechtigkeit Gottes abgrundtief gehasst hatte, mit ebensolcher Liebe erhob ich es als das mir allersüßeste Wort. So ist mir diese Stelle bei Paulus wirklich das Tor zum Paradies geworden. Danach las ich Augustinus ,Über den Geist und den Buchstaben‘, wo ich unverhofft darauf stieß, dass auch er die Gerechtigkeit Gottes ähnlich interpretiert [als eine solche], mit der uns Gott bekleidet, indem er uns rechtfertigt. Und obwohl das noch unvollkommen gesagt ist und er über die Anrechnung nicht alles ganz klar ausführt, wollte er doch die Gerechtigkeit Gottes gelehrt wissen, durch die wir gerechtfertigt werden.“ (507)

Willkür

Das Wort “Willkür” setzt sich zusammen aus “Wille” und “Kür”. Unter “küren” versteht man das (Er)Wählen einer bestimmten Sache. “Küren” stammt von mhd. “kiesen” und ist mit dem englischen Wort “choose” verwandt. Wir kennen dieses Wort noch aus Wörtern wie “auserkoren”.